Das ›Grenzgängerin‹-Manifest

 

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1. Hiermit gründen wir die Grenzgängerin. Inmitten des wachsenden modularen Lesens möchten wir damit die Form des Magazins verteidigen. Grenzgängerin – so der Titel – widersetzt sich konzeptionell dem glitzernden Reiz des Tagesaktuellen und wird als Schwerpunktheft erscheinen. Wir folgen in der Herangehensweise einem roten, aber oft verwickelten Faden, einem fortgesetzten Dialog, der Denken und Handeln in Zusammenhängen erneuert. Trotzdem wird jedes Heft einen eigenen Charakter und Akzent haben.

2. Fast Reading ist wie Fast Food: Klar mögen wir es auch, aber es droht längerfristige Unternehmungen zu ersticken. Wir wollen Wirklichkeit durchdringen und dies in einer Weise auf den Begriff bringen, die kein Meme je erfassen wird. Wir sind durchaus Zumutung, jedoch alles andere als elitär, auch wenn wir Texte veröffentlichen werden, die ihre ›Belohnung‹ bisweilen erst am Ende offenbaren.

3. Wir wollen einen Ort der Reflexion, der Selbstirritation und der Debatte anbieten. Das ist unseres Erachtens in dieser Zeit politischer, wirtschaftlicher und kultureller Umbrüche allzu dringend. Wir setzen nimmermüde Neugier gegen Verzweiflung, Taten-, Lern- und Debattendrang gegen zynische Politik-Abstinenz oder ängstliche Selbstvergewisserung unter der linken oder linksliberalen Käseglocke, Lebenslust und Genuss gegen Gleichgültigkeit und Selbstzufriedenheit.

4. Wir suchen und streiten für Transzendenz und Transformation – eine wirkliche Bewegung, um Bedrängung aller Kreaturen und herzlose Zustände zu überwinden. Nur die ständige Verständigung darüber und darin, nur die Anstachelung der Leidenschaft, die Entfesselung der Fähigkeiten jeder Einzelnen und aller zusammen helfen gegen Kapitulation und ersatzreligiöse Verehrung linker Helden, Kaiser und Tribune.

5. Wir können wenig anfangen mit wohlfeiler Dramatisierung und Skandalisierung, die in steriler Entlarvung verharrt und unterm Strich nichts bewegt, geschweige denn verändert. Furchtbar finden wir die erdrückende Tendenz zur innerlinken Kannibalisierung, die aus Abschottung von Theorie, Kritik und Praxis erwächst. Deshalb wollen wir die selbst gewählten Gedankengefängnisse überwinden, eine Art glücklose Arbeitsteilung, bei der die einen nur den Zugriff über Subjektivität, Identität, Diskurse und Sozialtheorie heiligen und die anderen nur über (vorgebliche) Objektivität, Materialität und Zahlenkolonnen. Trotz unterschiedlichem Denken, verschiedener Praxis müssen wir untereinander wieder sprech-, streit- und lernfähig werden.

6. Neue Zeiten brauchen auch neue Fragen und zeitigen wahrscheinlich neue Antworten, die wir heute nur erahnen können. Wir wollen dahin gehen, wo es thematisch weh tut, wo auch zukunftszugewandte, emphatische und neugierige Menschen ungeklärte Fragen haben oder sich noch vor ihnen drücken. Wir wollen Keime des Fortschritts erkennen, die in unseren Verhältnissen wachsend Wege zur Befreiung darin und daraus eröffnen. Wer nicht mit der Zeit geht, der geht mit der Zeit.

7. Wir wollen Themen, Tendenzen und AkteurInnen ernst nehmen, ohne den ›Hypes‹ und der geringen feuilletonistischen Mindesthaltbarkeit von Wichtigkeiten zu folgen. Themen, die nur in der Logik von Lebensabschnittspartnerschaften besichtigt werden, drohen wurzel- und flügellos zu bleiben. Wir sind eher auf der Suche nach ansteckender Radikalität und des verwirrenden Pudels Kern.

8. Wir sind links, liberal und radikal, aber nicht blöd. Wir finden, dass man den sog. ›Westen‹ und seine Errungenschaften verteidigen muss, weil sie Voraussetzungen für radikale Emanzipation sind. Doch der Westen ist für uns zugleich die geschichtliche Heimat von Faschismus, von Kolonialismus und Imperialismus, wie er Wiege von Aufklärung und verschiedenen Emanzipations- und Transformationsbewegungen gewesen ist. Er ist heute ›von außen‹ und ›von oben‹ unter Beschuss, und neuerdings auch ›von unten‹. Wir wissen, was wir am ›Westen‹ zu verlieren haben, ohne ihn deswegen für überlegen zu halten, denn wir übersehen nicht seine Ambivalenzen.

9. Zu den Gefahren für Demokratie, Gleichheit und Freiheit, wie wir sie kennen und wie wir sie gerne noch freier, gleicher und demokratischer hätten, gehört unzweifelhaft die Bedrohung von Rechtsaußen. Diese Gefahr wird allerdings nicht durch möglichst laute Empörungsverstärkung gebannt werden. Selbstvergewisserung wird uns ebenso wenig retten. Analyse und vor allem Präzision und Aufklärung darüber, was inhuman von der Wirtschaft bis zum Recht, vom politischen Dialog bis zum Zusammenleben ist, sind Voraussetzungen für eine Hegemonie der Menschlichkeit.

10. Wir wollen (uns) aufklären, argumentieren, uns irren und korrigieren, diskutieren und streiten darüber, was heute Voraussetzungen, Grenzen und Nebenwirkungen unserer Lebensweise, von Wirtschaft, Kultur und Politik, Haushalt, Geschlecht, Staat sind, wie wir sie kennen. Wer definiert, was normal, was ›Krise‹, was möglich, was wünschenswert, was ein Skandal ist, wann er vorbei ist, wer entscheidet über Schuld, Unschuld und Schuldigkeit, welche Solidarität ist einzuklagen, welche ist man schuldig – lokal, regional, national, europäisch, global?

11. Tear down this Paywall! Für wirtschafts-, sozial- und kulturwissenschaftliche Veröffentlichung – einschließlich naheliegender literarischer und journalistischer Gattungen – wollen wir ein Forum bieten, das breitere Kreise erreicht, als es das nimmer endende Hamsterrad des hinter teuren Bezahlschranken verbarrikadierten Fachjournals ermöglicht. Anstatt dass steuerfinanzierte AutorInnen nur Wissenschaftsverlagen garantierte Zuschriften und Absatz verschaffen müssen, wollen wir helfen, eine Öffentlichkeit zu schaffen, die nicht beim Fachmann oder der Fachfrau für KennerInnen aufhört. Es gilt für uns, das in den Wissenschaften längst favorisierte Gesetz Goodharts: ››Hitting the target and missing the point‹‹ – das längst auch das Feuilleton überrollt hat – zu überwinden.

12. Deshalb suchen wir auch diejenigen, die nicht oder zu selten ins Rampenlicht gestellt werden. Wir wollen zur Beleuchtung oft übersehener Schauplätze und Einsätze von Konflikten beitragen, aber auch auf Kooperationen und Wandel verweisen oder unerträglichen Stillstand markieren. Auf jeden Fall sind wir parteiisch für Menschen, die Emanzipation, Befreiung, Selbstermächtigung und unbändige Freude an neuen Handlungsoptionen in völlig unterschiedlichen Zusammenhängen befördern.

13. Wir streiten und schreiben gegen den deutschen Hang und Zwang zur Mittelmäßigkeit, der vor allem Politik und Kultur oft im eisernen Griff hat. Wir formulieren, erneuern und radikalisieren wo nötig eine Kritik derjenigen Strukturen, die Gestaltungskraft und Willen bremsen und kreative Energien in die Schläuche des immer gleichen Weins hineinzwingen.

14. Unverzichtbar ist für uns dabei der Blick über den Tellerrand. Deswegen suchen, schätzen und veröffentlichen wir auf Deutsch Beiträge, die anderswo erschienen sind und hier neue Blickwinkel und neue Richtungen der Debatte versprechen. ›Übersetzung‹ ist für uns Auftrag nicht nur als sprachliche Übertragung, sondern meint die irritierende Bereicherung durch ungeahnte Gedanken und Anstöße.

15. Die bevorzugte Form der Beiträge ist für uns der Essay – einerseits mit der auf stilistischen Anspruch und zugleich Verständlichkeit zielenden formalen wie andererseits der um eigene Vorläufigkeit und Begrenztheit wissenden Konnotation, die dieser Begriff ankündigt.

16. Entscheidend ist aufm Platz! Die schonungslose Durchleuchtung, die radikale Kritik der Wirklichkeit und ihre Interpretation ist für uns kein Selbstzweck, sondern soll Beitrag zu ihrer Veränderung sein.

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